Sie sehen sehr attraktiv aus, die Blüten vieler Disteln. Außerdem dienen sie noch obendrein einigen Insekten als Nahrung. Da sich viele Gärten seit einigen Jahren verändern und die Natur dabei an Boden verliert, blühen viele Wildpflanzen nur noch hinter schützenden Gartenzäunen. Einige Hobbygärtner haben schon eingesehen, dass ein schöner Garten nicht nur den Menschen erfreuen soll, sondern auch den Tieren und Pflanzen als Lebensraum dienen kann. So pflanzen die Gärtner statt Koniferen lieber Weidenröschen (Epilobium) und Gilbweiderich (Lysimachia), Flockenblume (Centaurea) oder Platterbse(Lathyrus). Optisch gesehen kein Verlust, sondern ein herrlicher Blickfang.

Eine faszinierende , sehr farbige Artengruppe bleibt dabei aber meist ausgesperrt: Die Disteln, wahre Schönheiten aus der Wildnis, sind nach wie vor die Stiefkinder der Gärtner und offenbar nicht gesellschaftsfähig. Könnte sein, dass das Unbehagen der sonst sehr entschlossenen Naturgärtner gegenüber Disteln von einem tiefsitzenden Misstrauen herrührt. Dornen und Disteln gehören immerhin zu den biblischen Plagen, die den ackernden und gärtnernden Menschen das Leben einst erschwerten. Doch jetzt wird es Zeit, solche Vorbehalte aufzugeben. Denn Disteln sind nicht nur attraktiv, sondern sie sind nützliche Pflanzen, denen man die eine oder andere Reservefläche im Garten einräumen sollte.

Haben die Disteln eigentlich Stacheln oder Dornen? Das ist gar nicht so einfach zu bestimmen wie zum Beispiel bei den bestachelten Rosen. Im allgemeinen sind die starren Spitzen an den Distelblättern aus umgebautem Blattgewebe entstanden und stellen demnach richtige Dornen dar. In Einzelfällen kann die Pflanze aber auch noch zusätzlich einen Stachelbesatz tragen. Die distelähnlichen Karden (Dipsacus) sind dicht mit den Stacheln besetzt und damit geradezu im wahrsten Sinne unfassbar.

Warum aber tragen die Disteln wohl so wehrhafte Organe? Dass es ohne Pflanzen kein tierisches und menschliches Leben gäbe, bedarf wohl keiner Diskussion. Erstaunlicher ist dann doch die Umkehrung dieser allgemeinen Einsicht: Pflanzen sind in der uns heute vertrauten Form und Funktion ohne Beteiligung der pflanzenfressenden Tiere überhaupt nicht denkbar. Tierische Fraßgier hat über die Jahrmillionen der Evolution strenge Auslese unter den Pflanzen gehalten. Die Antworten der Pflanzen auf die Bedrohung durch hungrige Tiere sind mit der Zeit immer raffinierter und ausgefallener geworden. Manche währen sich mit giftigen Inhaltsstoffen. Andere machen sich durch Dornen, Stacheln und hartes Laub unangreifbar. Das alles schützt zwar nicht 100 %, grenzt jedoch die Anzahl von Konsumenten wirksam ein. Die Dornenfestung der Disteln hindert zwar die Weidetiere am Zubeißen. Aber die Insektenlarven können ungehindert ihr Ziel erreichen.

Etliche Distelarten sind schon deshalb auffällig und bemerkenswert, weil sie imposante Wuchshöhen erreichen. Die hübsche Eselsdistel (Onopordum acanthium), früher weit verbreitet in den Krautfluren ssommerwarmer Lößgebiete, gehört ebenso in die Zweimeterklasse wie die Distelartige Karde (Dispacus sylvestris), die mit den eigentlichen Disteln nicht verwandt ist. Etwas weniger hoch hinaus wächst die Nickende Distel (Carduus nutans) oder die mit besonders dekorativen Blättern ausgestattete Mariendistel (Silybum marianum), die nicht nur hübsch aussieht, sondern auch Leberleiden mildern kann.

Außergewöhnlich schön ist die Distelblüte, genauer der äüßerst komplexe Blütenstand der verschiedenen Distel-Arten. Was die Pflanze so eindrucksvoll als üppig geratene Einzelblüte präsentiert, ist in Wirklichkeit ein aus zahlreichen Blüten zusammengesetzter Blütenkopf. Bei den überwiegend gelb blühenden Gänsedisteln (der Gattung Sonchus), besteht er ausschließlich aus flachen, zipfeligen Zungenblüten, bei den Kratzdisteln (Gattung Cirsium) oder den echten Disteln (Gattung Carduus) dagegen nur aus Röhrenblüten.

Die köpfigen Blütenstände sehen aus der Entfernung betrachtet aber nicht nur aus wie eine farbgesättigte Blume, sondern verhalten sich auch so. Bei regnerischem Wetter oder bei Dunkelheit zeigen die Blütenstände Schließbewegungen, die so wohl koordiniert ablaufen wie die einstudierte Choreographie eines Balletts. Das Farbspektrum der verschiedenen Distelköpfe ist breit. Vom zarten, hellen Lila der Acker–Kratzdistel (Crisium arvense) über das kräftige Karminrot der Nickenden Distel n(Carduus nutans) bis hin zum Stahlblau der Kugeldistel (Echinops sphaerocephalus) oder dem satten Gelb der Benediktendistel (Cnicus benedictus) umfasst sie zahlreiche Töne. Manche Pflanzen tun übrigens nur so, als seien sie richtige Disteln aus der Familie der Korbblütler. Die seltene Stranddistel (Eryngium maritimum) zum Besipiel oder ihre alpine Verwandte (Eryngium alpinum), diese geschützten Arten gehören nämlich sattdessen zu den Doldenblütengewächsen.

Mag die Distel als Unkraut verschrien sein, so genießt sie doch bei vielen Tieren hohes Ansehen. Dutzende von Kleintierarten, insbesondere Insekten, leben auf Disteln, und viele Insektenarten sind sogar direkt von einer ganz bestimmten Distelart abhängig. So sind tatsächlich jede Acker–Kranzdistel und jede Weg–Distel nicht nur Ruheplatz und Treffpunkt einer artenreichen Kleintierfauna, sondern auch deren Kinderstube und Futtergrippe.

Blattkäfer und Schmetterlingsraupen löchern auch selbst die lederigen, von anderen Pflanzenfressern gerne verschmähten Blätter. Zikaden und Wanzen saugen Zuckersaft aus den Leitbahnen der Stängel. Bohrfliegen durchtunneln die Blütenköpfe. Vom Nektar der engröhrigen Einzelblüten naschen Weißlinge und Edelfalter, darunter so bekannte Schmetterlinge wie das Tagpfauenauge, der Kleine Fuchs, der C–Falter oder der Distelfalter, dem seine Nahrungsvorliebe sogar seinen Namen eingetragen hat.

Fast alle Distelarten, die in den trockenen Säumen der Ackerflächen, auf Brachen oder entlang von Wegen vorkommen, blühen erst, wenn die Hauptblütezeiten anderer Blütenpflanzen im Frühjahr und im Hochsommer bereits weitgehend verebbt sind. Viele hungrige Falter und andere Insekten finden dort Nahrung. Einige Wochen später sind die fruchtenden Disteln schon wieder ein besonders begehrter Anziehungspunkt. Distelfinken und andere samenfressender Singvögel, die im Spätsommer allerhand Streifzüge unternehmen, kehren mit Vorliebe auf den nahrhaften Distelköpfen ein.

Zahlreiche Kleintiere sind auf die Distel angewiesen, sei es als Wohn – oder als Futterpflanze. Wenn jedoch falsch verstandener Ordnungssinn diese Pflanzen nun überall aus den Gärten, Grünanlagen oder gar mittels chemischer Keule auch von den Ackerränder verbannt, fallen wichtige Nahrungsquellen aus. Die im Garten geduldeten oder sogar kultivierten Distel – Arten können solche Verluste zwar nur teilweise ausgleichen, aber sie leisten zumindest einen kleinen Beitrag dazu, die Ökosysteme in unserer Kulturlandschaft wieder zu beleben.