Ihre ursprüngliche Heimat ist der Osten Mexikos. Den Azteken war ihre Nützlichkeit längst vor ihrer ersten Begegnung mit Europäern bekannt. Die Indianerstämme nutzten Vanille als gesundheitsförderndes Würzmittel und als Parfüm. Als der spanische Erobere Cortes 1519 am Hofe Montezumas II. erschien, wurde ihm zum Nachtisch das landesübliche Lieblingsgetränk gereicht. Die kakaohaltige Schokolade (chocolatl) war gewürzt mit Vanille (tlilxochitl). Es hat ihm wohl gemundet, den schon ein Jahr später, gelangten die ersten Vanille-Schoten nach Spanien. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts wird die Vanille auch in Mitteleuropa bekannt. In der Literatur erwähnte man die Vanille erstmals 1605, und zwar vom französischen Botaniker Clusius. Man sprach der Vanille aphrodisische Wirkung zu und bald zierten die Vanilleblüten Dekolleté oder Frisur so mancher reichen Dame.

Mexiko konnte sein streng gehütetes Monopol für eines der teuersten Gewürze auf dem Weltmarkt lange Zeit halten. Schließlich wurde mit der Todesstrafe bedroht, wer sich bei der Ausfuhr von Stecklingen erwischen ließ. Zahlreiche Kultivierungsversuche in Europa blieben erfolglos. In den Gewächshäusern der Adligen gediehen die Stecklinge zwar prächtig und trieben üppige Blüten, doch niemand brachte sie zum Fruchten. Versuche Alexander von Humboldts scheiterten 1811 ebenso wie die der holländischen oder französischen Züchter auf den tropischen Inseln Java und Bourbon. 1846 war es dann endlich soweit. Frankreich bot Vanille an, kultiviert und zum Handelsprodukt verarbeitet auf der Ile Bourbon im indischen Ozean, heute als La Réunion ein französisches Übersee-Departement. Fünf Jahre zuvor hatte der Sklave Edmond Albius die künstliche Befruchtung der Vanille entdeckt. Noch heute wirbt die Vanillekooperative der Insel im Orte Bras-Panon mit seinem Namen. Bourbon Vanille wurde zum herausragenden Qualitätsmerkmal.

Spanische Eroberer gaben der einzigen Nutzpflanze unter den etwa 30000 verschiedenen Orchideen ihren Namen. Vainilla meint Schötchen und ist die Verkleinerungsform von vaina, was soviel wie Scheide, Hülse bedeutet. Zur Gattung Vanilla gehören rund 100 Arten, deren wirtschaftlich bedeutsamste die Vanilla planifolia ist. Die Heimat dieser starkwüchsigen Kletterpflanze liegt in den küstennahen Gebieten Mexikos und Mittel-Amerika. Dort besiedelt sie das Unterholz und die Ränder des Regenwaldes.

Für ihren Weg nach oben ist die Vanilla bestens ausgestattet. Ihre Wurzelranken reagieren auf Berührungsreize mit Krümmungsbewegungen, umschlingen die Stämme der Urwaldriesen und sorgen so für den sicheren Halt der langen, grünen Sprossen bis in eine Höhe von 10 Metern. Die ungestielten, dickfleischigen Blätter werden bis zu 15 cm lang und bis 6 cm breit. Im Alter trennt sich Vanilla von ihren absterbenden Erdwurzeln. Allein die Luftwurzeln entziehen nun der wassergesättigten Tropenluft die nötige Feuchtigkeit. Verständlich, dass diese Gewürzorchidee gleichmäßig hohe Temperatur und Feuchtigkeit fordert und als Objekt für Zimmergärtner kaum in Frage kommt.

Die schmalen 15 bis 30 cm langen Früchte werden umgangssprachlich als Schoten bezeichnet und sind für die menschliche Nutzung ungeeignet. Im weißen Fruchtfleisch eingebettet liegen orchideentypisch 90000 braunschwarze 0,3 mm kleine kugelige Samen, die einen dürftig entwickelten Keimling beherbergen, dem jegliches Nährgewebe fehlt. Im Urwald wird Vanille nur selten platz-reif, denn Vögel und Affen bemächtigen sich der schmackhafte Früchte und tragen so zur Verbreitung des Samens bei.

Nördlich des Äquators liegt die Blütezeit zwischen April und August, südlich davon entsprechend um ein halbes Jahr versetzt. Ihre eher unscheinbaren, grün-weißlichen Blüten befinden sich in den Blattachseln. Die Pollen des einzigen Staubblattes sind von den Narben durch besondere Blütenblätter abgeschirmt. In der mexikanischen Heimat durchbrechen bestimmte Kolibris und kleine Bienen der Gattung Melipona diese Befruchtungssperre. Sie durchbohren die äußeren Blütenorgane, um an pflanzliches Futtergewebe zu gelangen, welches reich an Eiweiß, Zucker und Fett ist. So gelangt der Blütenstaub auf die Narbe. Erst im 19. Jahrhundert entdeckte man dieses enge Kooperationsverhältnis und konnte sich nun erklären, weshalb Vanilla planifolia außerhalb ihres Ursprungsgebietes nicht fruchtet. Es fehlten einfach die Partner aus dem Tierreich. Die heutigen Hauptanbauländer Madagaskar, Comoren und Reunion liefern 80% des Weltexports. Die Plantagen liegen versteckt eingestreut in Zuckerrohrfeldern oder im Unterholz des Waldes, wo die Pflanzen auf Hölzern mit weicher Rinde festen Halt finden. Die Vermehrung erfolgt durch Stecklinge, die erst im dritten Jahr zu blühen beginnen. Durch regelmäßiges Zurückschneiden hält man sie möglichst unter 2m Höhe und lässt nur etwa 20 Früchte stehen, um eine optimale Fruchtausbildung zu erzielen. Erst im sechsten Jahr ist Vanilla planifolia richtig erwachsen und liefert dann noch weitere 10 Jahre rentable Erträge.

Die Königin der Gewürze macht es den Pflanzen nicht leicht. Ihr Anbau gelingt nur dort, wo ihre hohen Ansprüche an den Boden, an eine gemäßigte Luft, einen effektiven Windschutz gegen tropische Stürme und an die richtig dosierten Niederschläge erfüllt werden. Zwischen November und Januar herrscht Hochbetrieb in den Plantagen. Dann öffnen sich die Blüten sehr unregelmäßig. Sie leben nur wenige Stunden am Vormittag und fallen noch am selben Tag ab, wenn die Bestäubung unterbleibt. Geschickte Frauen bestäuben täglich manuell 1000 bis 1200 Blüten, indem sie ganz wie zu Zeiten des Edmond Albius, den Deckel über der Narbe jeder einzelnen Vanilleblüte anheben und mit einem spitzen Bambusstecken den Pollen auftragen. Einen Monat nach der Befruchtung sind die Früchte ausgewachsen und werden schnell durch einen Stempel mit den Initialen des Besitzers markiert. Wächter sichern den Wertvollen Rohstoff bis zur Ernte.